Jahrelang prägte er das Spiel der Konkurrenz und lieferte sich als Coach hitzige Duelle mit den Raiders Tirol. Nun schlägt Max Kössler ein neues Kapitel in seiner Karriere auf – ausgerechnet in Innsbruck. Als neuer Offensive Coordinator übernimmt er die Leitung der Tiroler Angriffsabteilung. Im ausführlichen Interview spricht er über den Respekt vor dem Programm, seine enge Abstimmung mit Head Coach Shuan Fatah und seinen Plan, mit einem „Plug and Play“-System die Stärken der Innsbrucker Talente optimal in Szene zu setzen.

Du hattest über die Jahre viele „Battles“ gegen Shuan und die Raiders Tirol. Wie fühlt es sich an, nun die Offense genau jenes Teams zu leiten, das früher dein größter Rivale war?

Es ist eine große Ehre, in dieser Position zu sein. Gerade als direkter Gegner von Shuan und den Raiders Tirol habe ich das ganze Programm sehr zu schätzen gelernt. Das Level an Competititon war extrem hoch und da war es schon immer ein besonderes Gefühl, wenn man als Sieger vom Feld gehen konnte. Es bedeutet mir auch sehr viel, weil ich weiß, wieviel dahintersteckt und von allen Seiten investiert wird. Wir haben hier Topspieler und Coaches. Über die Jahre konnte ich im Nationalteam viele Spieler und Coaches kennenlernen dürfen und schon gute Verbindungen geschlossen. Ich freue mich sehr auf die Aufgabe jetzt alles zu verknüpfen und die Offensive anzuführen.

Du kennst Shuan bereits gut aus dem Nationalteam. Wie sieht die Aufgabenverteilung zwischen euch beiden aus, wenn es um das Design des Gameplans geht?

Shuan und ich arbeiten sehr eng in der Aufstellung des Teams zusammen. Wobei ich mich primär auf die Offense und Shuan auf die Defense konzentriert. Wenn es um das Design des Gameplans geht, ist es mir wichtig, dass wir als Coaching Staff eng zusammenarbeiten. Deshalb gestaltie ich diesen Prozess sehr „offen“. Ich möchte Feedback und Input von meinen Assistant Coaches und besonders auch von unserem Quarterback haben, weil er für mich eine enorm große Rolle spielt. Ich will nie am Feld in eine Situation kommen, dass ich einen Spielzug ansage und der Quarterback mit den Augen rollt und dann sagt: Das wollte ich die ganze Woche schon nicht haben.

Mir ist es enorm wichtig, dass die Spieler ihre Aufgaben voller Selbstvertrauen erfüllen können und das funktioniert nur wenn man auch auf sie eingeht und ihr Feedback hört. Im Staff haben wir eine klare Rollenverteilung, wer sich um welche Details kümmert. Jeder Coach schaut sich die Details in den Situationen an (Third Downs, Redzone etc.) und dann werden gemeinsam die Plays dafür entwickelt. Wir werden nicht jede Woche 100 neue Plays neu installieren, sondern eine All Purpose-Offense laufen, in der wir quasi Plug and Play-Elemente einsetzen können. Dafür ist es wichtig, dass die Spieler das System verstehen und darauf vertrauen können.

Du hast schon Receiver auf Profi-Niveau trainiert und dorthin gebracht. Wie transferierst du dein Know-How auf die heimischen Homegrown-Talente in Innsbruck? Und was zeichnet die Spieler hier aus?

Mit Receivern zu arbeiten bedeutet nicht, dass man ihnen sagt, wo sie sich hinstellen und hinlaufen sollen, sondern es geht um sehr viele Details, vor allem auf technischer Seite und im Verständnis der Position. Die Nachwuchsarbeit ist enorm wichtig, dass man hier die Fundamentals schärft. Weil am höchsten Level, völlig unabhängig von der Position, sind die Topspieler jene, die die besten Fundamentals haben. Bei den Receivern geht’s darum, wie man Leverage attackiert, welche Separation Techniques man verwendet, Ball fangen schadet auch nicht, wenn man es gut kann (lacht).

Hier sind die Raiders Tirol immer schon herausgestochen, durch ihre Arbeit vom Jugendalter an. Ich muss Florian Grein und allen Nachwuchscoaches ein Riesenkompliment aussprechen, weil sie hier wirklich Football-IQ und Fundamentals lehren. Das ist mir von außen schon aufgefallen und auch wenn ich mit den Spielern im Nationalteam gearbeitet habe. Sie haben ein Tiefenverständnis, das meiner Meinung nach in Europa seinesgleichen sucht. In der Kombination mit dem ausgezeichneten Athletikprogramm, das wir hier auch haben, ist alles möglich. Wichtig ist zu verstehen, dass jeder ein Individuum ist, dass jeder seine Stärken hat und athletische Gegebenheiten unterschiedlich sind. Wir als Coaches müssen ihnen die Werkzeuge geben, dass sie gleich effizient spielen können und die Abstimmungen passen.

Wenn du auf den Kader schaust, wo siehst du Rohdiamanten?

Da gibt es einige Jungs, weil sie von der Grundathletik und ihrem Ehrgeiz herausstechen und noch sehr jung sind. Es ist eine super Chance für sie, dass sie sich auf der europäischen Ebene beweisen können. Felix Reitter auf der Receiver Position ist ein hochtalentierter, sehr smarter Spieler. Tim Tonko – ich habe von vielen Seiten schon einiges über ihn gehört und jetzt, wo ich ihn im Training schon gesehen habe, kann ich nur bestätigen, dass er ein Ausnahmetalent ist und man seinen Namen noch sehr oft hören wird. Und natürlich viele alte Bekannte wie Tobi Bonatti, Lukas Haslwanter, Marco Schneider… Es ist sehr schwierig das nur auf ein paar Spieler zu limitieren. Es sind einfach sehr viele Leute, wo ich mich wirklich freue, mit ihnen zusammenzuarbeiten und sie bei der Erreichung ihrer und unserer Ziele zu unterstützen.

Als ehemaliger QB-Coach – welche Qualitäten muss der Spielmacher der Raiders Tirol mitbringen, um dein komplexes System optimal umzusetzen?

Er muss ein Leader sein und das repräsentieren, was man sich von einem Teamkapitän vorstellt. Er muss die Identität des Teams widerspiegeln. Das haben wir mit Steve definitiv gefunden. Football-IQ in Kombination mit der Leadershipkomponente ist extrem wichtig: Er ist unser Schlüsselspieler, in voller Kontrolle der Offense, sprich er muss jederzeit in der Lage sein, defensive Strukturen zu erkennen, um gegebenenfalls den Playcall so anzupassen, dass er die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit bringt. Wurftalent und Spielerfahrung sind ebenfalls sehr wichtige Faktoren, um mit ihm optimal arbeiten zu – alle Punkte treffen auf Steve zu.

Wir bauen unser System um unseren Quarterback auf, also anhand der O-Line und den Stärken des Quarterbacks. Steve ist mobil, kann jederzeit laufen, aber er ist auch sehr ein talentierter Passer, dass das nicht notwendig sein muss, weil seine Augen immer das Feld scannen. Das Decisionmaking ist eine Kombination aus seinem Situational Awareness und seiner Spielintelligenz. Wir brauchen keinen Gunslinger, der bei 3rd and 2 immer versucht den tiefen Pass zu nehmen – mir ist wichtig, dass er versteht, dass es manchmal auch ganz gut ist das Handoff zu geben oder er selbst den Ball pulled und die Yards erläuft oder eine schnelle Completion zu den Receivern wirft.

Du hast gesagt, die Organisation steht für Professionalität und Familie. War dieser Ruf der Raiders Tirol ein entscheidender Faktor für deinen Wechsel?

Eine Kombination aus vielen Punkten: Zum einen die Chance mit Shuan zusammenzuarbeiten. Zum anderen sind die Raiders Tirol eine Toporganisation in Europa und das ist eine große Ehre. Wenn man die Chance erhält, muss man sie ergreifen.