Innsbruck und Shuan Fatah – das ist eine Verbindung, die weit über das Spielfeld hinausgeht. Nach einigen Jahren in Deutschland ist der Erfolgscoach dorthin zurückgekehrt, wo er einst eine Ära prägte. Im großen Interview spricht er über den Tiroler Lifestyle als Erfolgsfaktor, seine klare Vorstellung davon, was einen Raider ausmacht und die Werte, die er wieder in die Mannschaft tragen will. Ein tiefer Einblick in die Philosophie eines Mannes, der die Raiders Tirol nicht nur sportlich, sondern menschlich prägen will.
Du hast schon beim ersten Press Event von „Heimkommen“ gesprochen. Was war für dich vertraut und was hat sich verändert, als du nach Innsbruck zurückgekommen bist?
Vertraut war Innsbruck. Die Stadt, die Fans. Ich habe interessanterweise in der ersten Woche einen Haufen Fans getroffen, die total nett waren und mir einen schönen Willkommensgruß gesendet haben. Das hat mich sehr aufgebaut. Auch das Office – viele Dinge von mir sind immer noch da. Bilder von mir hier an der Wand. Von daher wirkte es ein bisschen so, als wäre ich nie weg gewesen. Aber das Programm selber hatte sich sehr verändert. Es war anders kreiert worden in den Jahren dazwischen. Da musste ich adaptieren und schauen: Was ist noch da? Was ist neu? Das war die Challenge zu Beginn.
Du sprichst oft von Werten, Haltung und Identität. Wie bringst du diese Werte jetzt wieder in das Team?
Du bringst immer ein Programm. Es geht nicht nur um Football-Schemata oder Spielzüge. Mein Trainerstab bekommt Coaches-Manuals, in denen seitenweise gar nicht über Football gesprochen wird, sondern über unsere Werte und wie wir diese transportieren. Ich glaube, das ist das, was die Raiders Tirol brauchen und ich habe auch ein bisschen das Gefühl, dass ich deshalb geholt wurde. Weil Football spielen können die Jungs hier alle. Darum ging es nie –um die crazy Spielzüge oder Shuan als Heilsbringer. Es ging um die Identität mit Tirol, die Identität mit den Raiders Tirol. Das ist etwas ganz Besonderes, das ich in Europa so kaum gesehen habe. Dieses Identifizieren mit der Gegend, mit dem Tiroler Lifestyle, mit der Geschichte Tirols – das habe ich in meinen ersten zehn Jahren hier wahnsinnig verinnerlicht.
Football können viele spielen. Den Unterschied macht etwas anderes. Diese Edge bekommst du über Dinge wie Zusammenhalt, füreinander spielen und für die Stadt spielen. Das ist in Innsbruck absolut wahr. Du spielst hier für mehr als nur den Verein. Und genau das müssen wir wieder transportieren. Und dann ist der Job eben, dass du den Trainerstab drauf polst, weil du brauchst Leute, die Multiplikatoren sind, die deine Message weiterbringen. Wenn es einer macht, verpufft es meistens. Aber wenn es alle machen und wir eine Sprache sprechen, dann kannst du Leute auch mit dem Feuer in Verbindung bringen und dann lernen die das.
Welche Charaktere braucht es für dieses Team?
Du musst teamfähig sein. Du musst unselfish sein. Also nicht nur deine eigenen Interessen verfolgen, sondern dich in den Dienst des Teams stellen. Das gilt für Spieler genauso wie für Trainer. Wir müssen lernen, für das große Ganze zusammenzuarbeiten und nicht nur für den kurzen, individuellen Erfolg. Wir werden alle individuell auch sicherlich unsere Erfolge feiern, auch die Spieler. Aber dieses Verstehen, dass das nur gemeinsam geht, das ist verloren gegangen in den letzten Jahren im Football in Europa. Und ich glaube, dass wir da anpacken müssen, weil sehr viele Mannschaften da keinen Wert drauf legen. Da geht es nur darum schnell Spieler zusammenzukaufen und zu gewinnen. Das ist auch ein Weg, das zu machen, das will ich gar nicht bewerten, aber es ist nicht mein Weg. Nicht jeder kann ein Raider sein und nicht jeder darf ein Raider sein. Das meine ich todernst. Wir wollen Spieler und Coaches, die dieselbe Sprache sprechen und dieselben Werte vertreten. Dein Ego bleibt an der Tür, wenn du in die Kabine gehst. Da ist Team angesagt. Das kommunizieren wir jeden Tag.

Unsere Werte hängen auf Bannern im Trainingszentrum und im Meetingraum. Die Jungs sehen das ständig. Du musst eine Atmosphäre schaffen, in der diese Dinge wichtig sind. Wenn du sie nie kommunizierst, wie sollen sie dann bei den Spielern ankommen? So wollen wir ein Raiders Credo kreieren. Am Ende des Tages hoffst du, dass so viele Spieler und Trainer und auch Office Mitarbeiter daran glauben, was wir hier machen. Wenn das Produkt fertig ist, dann ist das so eine Freude, in diesem Bereich zu arbeiten. Wenn alle mitziehen und dieses Verständnis haben, dann macht das richtig Spaß. Und dafür machen wir es doch eigentlich auch.
Wie empfindest du den Verein?
Wahnsinnig beeindruckend. Die Fans, die Familien, spüren es, wenn die Mannschaft eine verschworene Truppe ist. Das muss die Mannschaft verstehen, dass die Fans das merken. Die Raiders sind extrem wichtig für die Stadt und die Gesellschaft – die Fans wollen sehen, dass das Team wieder ein Team ist. Da reden wir gar nicht von Sieg oder Niederlagen – die Fans sollen sich mit uns identifizieren können, damit wir das Stadion auch wieder in einen Hexenkessel verwandeln können und sie mitreißen. Ich hoffe, wir bekommen das hin.
Welche Spieler sollen diese Kultur tragen?
Natürlich eher die Veteranen, die wissen, wovon ich rede. Spieler wie Adrian Platzgummer, Tobias Bonatti oder Stanley Aronokhale. Auch bei den Imports haben wir darauf geachtet, Erfahrung zu holen. Aaron Jackson ist nicht nur ein absoluter Playmaker am Feld, sondern jemand, der jungen Spielern zeigt, wie es funktioniert.
Ich bin mir auch bewusst, dass mir nicht alle Spieler glauben, ich muss mir das Vertrauen auch erst selber erarbeiten. Nur weil du dich Coach nennst, gehen die Spieler noch nicht für dich durchs Feuer.
Ein Team hat ein Leben und ich sehe das wie eine Kante – je mehr wir rüberziehen können, desto mehr entwickelt sich ein Eigenleben und es wird leichter, weil alle die gleiche Sprache sprechen. In diesem Prozess sind wir jetzt. Ich bin mir auch bewusst, dass mir nicht alle Spieler glauben, ich muss mir das Vertrauen auch erst selber erarbeiten. Nur weil du dich Coach nennst, gehen die Spieler noch nicht für dich durchs Feuer.
Die Raiders zeichnen sich durch den Nachwuchs aus – siehst du schon Rohdiamanten?
Ich war letztens beim U14 Training und bin generell bei vielen Nachwuchseinheiten dabei, weil dort die Zukunft liegt. Einer, der mir von den jungen extrem gefällt, ist Jakob Scheucher. Wenn er weiter so arbeitet, wird er ein ganz Großer. Er ist noch sehr jung. Oder Berend Palz, auf den habe ich auch schon meine Augen geworfen. Aber generell muss ich sagen: Da sind überall echte Diamanten unterwegs. Es ist enorm professionell hier, mein Sohn war beim Nachwuchstraining jetzt dabei und komplett eingeschüchtert von der Ernsthaftigkeit, mit der hier gearbeitet wird. Jeder schreibt mit, jeder arbeitet. Das ist ein echter Football-Kosmos. Flo Grein macht einen exzellenten Job!
Du warst einige Jahre von Tirol weg, was hast du aus deinen Stationen in Deutschland mitgenommen?
Du lernst als Trainer nie aus. Wenn du aufhörst zu lernen, wirst du überholt. Die Jahre weg von Innsbruck waren absolute Lehrjahre. Ich habe Dinge gesehen, die funktionieren – und Dinge, die nicht funktionieren. Heutzutage musst du dich als Trainer anpassen und weiterentwickeln, von der Trainingsplanung über den Umgang mit den Spielern. Man muss heutzutage adaptieren und ich bin auch eine Person, die sich weiterentwickelt. Aber meine Prinzipien bleiben dieselben: Ethik, Moral, keine Shortcuts. Keiner kann den Fahrstuhl nehmen, jeder muss die Treppe gehen. Diese kleinen Dinge sind für mich unheimlich wichtig. Wir bilden die Jungs nicht nur im Football aus, sondern auch als Menschen. Die Jungs sollen mitbekommen, dass man sich auch durch Situationen im Leben durchbeißen muss und es nicht so easy ist, wie es einem auf Social Media vorgegaukelt wird. Unser Motto ist: 4th Quarter, Last Play. Wir wollen ein Team sein, das niemals aufgibt. Und jemand, der nie aufgibt, ist wahnsinnig schwer zu schlagen. Daran glauben wir – im Leben wie im Sport.
Wie blickst du auf die Liga?
Es ist für alle neu und du kannst dich nicht mehr verstecken. Du spielst gegen alle – und genau das macht die Liga so reizvoll. Es ist sehr schwer mit starken Namen und Teams, oder Coaches wie Jack del Rio, den ich bewundert habe, als er bei den Dallas Cowboys spielte, weil ich Fan von ihnen bin. Da wird bei mir auch der Fanboy kurz rauskommen. Es sind starke Teams dabei: Frankfurt, Paris, Madrid, Prag, Nordic Storm. Ob alle auf gleicher Schiene sind und vom Level gleich, ist schwer zu sagen. Es wird nicht leicht, aber genau das liebe ich. Ich habe auch keine Angst davor, zu scheitern, mich treibt aber an, gegen die Besten zu spielen, da freue ich mich sehr! Ich will mich mit den Besten messen und bin hier, um die Raiders wieder on the map zu bringen. Wenn wir diesen Weg konsequent gehen, werden wir wieder eine richtig gute Mannschaft haben.
Du hast in deiner ersten Zeit beim Club fast alles gewonnen. Was möchtest du in dieser neuen Ära noch erreichen?
Man muss dazu sagen: In meiner ersten Zeit sind wir praktisch angekommen und haben sofort das Double geholt. Wir haben damals alles gewonnen, was möglich war. Aber danach haben uns direkt über 20 Spieler verlassen und die nächsten Jahre waren alles andere als einfach und gar nicht so erfolgreich. Drei, vier Jahre lang haben wir echte Aufbauarbeit betrieben – und das ist in Innsbruck nicht vergleichbar mit Städten wie Wien. Du hast hier ein kleineres Einzugsgebiet und musst Spieler entwickeln. Rückblickend war genau das aber unglaublich spannend. Wir haben aus Skifahrern Footballer gemacht, uns unsere Spieler quasi selbst gebaut und gemeinsam ein System entwickelt: Wie trainieren wir? Welche Werte vertreten wir? Wie wollen wir Football spielen? Das musste alles erst entstehen.

Irgendwann – so in Jahr drei, vier oder fünf – hat es dann Klick gemacht. Die Mannschaft hat verstanden, woran wir glauben und warum wir die Dinge so machen. Ab diesem Punkt waren wir extrem schwer zu stoppen. Das war für mich als Trainer eine wahnsinnig wichtige Erfahrung: Wenn du konsequent an deinen Prinzipien festhältst und die Mannschaft mitzieht, dann entsteht etwas Besonderes. Am Ende waren wir wirklich dominant. In meinen letzten zwei Jahren haben wir nur ein Spiel verloren und sechs Titel gewonnen. Darauf bin ich unglaublich stolz – vor allem auf die Mannschaft. Die Jungs haben irgendwann einfach gespielt, ohne ständig nachdenken zu müssen. Genau da willst du hin. Jetzt geht es mir aber gar nicht in erster Linie um einzelne Titel oder bestimmte Gegner. Ich möchte hier wieder eine Mannschaft aufbauen, auf die alle stolz sein können.
Bei der Verpflichtung von Max Kössler hast du gesagt, er sei dein absoluter Wunschkandidat gewesen. Warum passt er so gut zu deiner Philosophie?
Ich kenne Max schon aus der österreichischen Nationalmannschaft und dort hat mir seine Art sofort gefallen. Für mich ist wichtig, dass ein Trainer menschlich ins Team passt. Ein Choleriker würde bei uns zum Beispiel überhaupt nicht funktionieren. Footballtechnisch ist Max extrem organisiert. Das war mir besonders wichtig. Er hat mir im Laufe der Gespräche Unterlagen geschickt und gezeigt, wie er arbeitet, wie er installiert und wie er mit Spielern kommuniziert. Das hat mich wirklich beeindruckt. Er bringt unglaublich viel Talent mit und hat in meinen Augen längst bewiesen, dass er auf diesem Niveau coachen kann. Deshalb wollte ich ihm auch die Plattform geben, das jetzt voll zu zeigen. Dazu kommt, dass er ein hervorragender Kommunikator ist. Die Spieler wissen bei ihm immer genau, woran sie sind. Das ist enorm wichtig für eine Mannschaft. Du brauchst Trainer, die klar, konstant und verlässlich sind – und genau das ist Max. Außerdem hat er Tiroler Wurzeln. Das hat natürlich auch perfekt gepasst. Ich bin wahnsinnig froh, dass er da ist. Für uns als Organisation war das absolut die richtige Entscheidung.